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Bilder, die unter die Haut gehen

„You photograph something for two reasons: for what it is, and for what else it is.” - Minor White

 

Ich liebe dieses Zitat. Es hat eine große Bedeutung für meine Kreativität und meinen Schaffensprozess. Denn in der Regel entstehen meine besten Bilder dann, wenn sie mehr sind als das, was auf ihnen zu sehen ist. Und das geschieht, wenn die Idee und das Konzept hinter dem jeweiligen Bild oder der jeweiligen Serie genügend Zeit bekommen, um richtig auszureifen, BEVOR ich zur Kamera greife.

 

Oft erreiche ich mehr, wenn ich nicht hetze, sondern wenn ich mich auf die Dinge fokussiere, die mich beschäftigen. Wenn ich meinen Gedanken und Emotionen Zeit gebe, dann entstehen Bilder mit mehr Tiefe. Gute Bilder - und damit meine ich nicht Bilder, die in den sozialen Medien am besten ankommen, sondern Bilder, die eine persönliche Bedeutung haben - erfordern oft Arbeit. Bilder zu schaffen, die überdauern - die mehr sind als ein weiteres hübsches Bild in unserem Portfolio - bedeutet, dass wir unser Tempo zurücknehmen müssen. Denn hierbei geht es nicht darum, ein Bild nach dem anderen zu machen, sondern Bilder bewusst zu komponieren, sie aufzubauen, ihre Themen und Motive zu verfolgen. 

 

Natürlich haben wir alle auch spontane Ideen, machen Bilder aus dem Bauch heraus, shooten etwas weil wir es einfach nur schön empfinden - und das ist auch gut so. Aber für mich persönlich haben die Bilder, über die ich am meisten nachgedacht habe, oftmals auch den größten Bedeutungsgehalt. Denn sie sind über einen gewissen Zeitraum gereift - ich habe mir über das Thema, das Motiv, Gedanken gemacht, habe die Elemente im Bild bewusst ausgewählt und wenig bis nichts dem Zufall überlassen. Der Weg ist das Ziel trifft in diesem Falle zu. Denn wenn das Bild letztendlich aufgenommen wird, hat es schon lange vorher in meinem Kopf, in meinen Skizzen und in meinem Konzept Bestand gehabt. In Stein gemeißelt ist für mich allerdings nie etwas - und auch beim eigentlichen Shoot bin ich weiterhin dafür offen, etwas Neues zu entdecken, ein wenig zu experimentieren. Meist bringt das Model noch einmal eine ganz eigene Komponente und Interpretation mit ins Bild - und in Zusammenarbeit entsteht etwas, das einer alleine nie erschaffen könnte.

 

 

Und wie kommen wir zu tiefgründigen Bildern? Wie ich bereits in meinem Blogpost „Die Magie im Alltag finden“ angesprochen habe, sollten wir den Dingen nachspüren, die etwas in uns zum Klingen bringen. Suche nach Themen und Motiven die eine Bedeutung für dich haben, die dich berühren, die zu dir sprechen - bei denen du gar nicht anders kannst, als die Kamera in die Hand zu nehmen. Sei es eine Landschaft und dieses eine Bild, welches du nach stundenlanger Wanderung endlich findest - oder eine abstrakte Idee, für die du in mühseliger Kleinstarbeit ein Set baust, nach und nach alle Elemente sammelst und am Ende fotografierst. Du musst herausfinden, was dich treibt, und diese Richtung verfolgen. Je mehr du dein ganz echtes Ich ausleben kannst, umso kreativer wirst du. Und vor allem - lebendiger. Ich habe lange selbst nur an der Oberfläche gekratzt - Bilder gemacht, die mir gefallen haben, aber die irgendwie nie ganz das waren, was ich doch eigentlich wollte. Sie haben sich einfach nicht „richtig“ angefühlt. Ich habe viele Dinge ausprobiert, imitiert, gelernt, geübt - und erst als ich angefangen habe, mich ganz bewusst mit mir selbst und meiner Kreativität auseinander zu setzen, bin ich auf den für mich richtigen Weg gekommen. Und ich bin auch noch lange nicht am Ziel.  

 

Du hast etwas in dir, was die Welt so von niemand anderem zu sehen bekommt. Deshalb solltest du versuchen, deine Arbeit und deine Kreativität ganz authentisch sein zu lassen. Kein Replikat, keine Imitation - sondern du und deine Sicht der Dinge. Bilder, die authentisch von dir kommen, sind besser als alles, was du jemals imitieren könntest. Versuche nicht anderen nachzueifern - vertraue deinem Bauchgefühl und sei einfach echt. Du hast etwas Einzigartiges zu geben - du musst dir nur die Zeit nehmen und herausfinden, was es ist und es dann der Welt zeigen. 

 

Mir hilft es oft, bewusst einen Gang runter zu schalten. So schütze ich meinen Schaffensprozess davor zu schnell und meine Bilder davor zu oberflächlich zu werden. Deshalb ist meine Empfehlung - nimm dir die Zeit die du brauchst und frage dich selbst, wie du mehr von dir selbst, deinem ganz authentischen Ich, in deine Arbeit einbringen kannst. Gute Fotografie (sowie auch jeder andere kreative Ausdruck) kommt von innen, sie beginnt bei dir - bei deiner Persönlichkeit und deiner Vision. Denn wenn du dich nicht mit dem Thema deiner Bilder verbinden kannst, dann sind sie seelenlos. Das heißt nicht, dass sie schlecht sind - sie haben nur keine große Bedeutung für dich und werden schnell vom nächsten guten Bild verdrängt. 

 

Für mich ist gute Fotografie nicht das bloße Aussehen eines Bildes, sondern es muss mich berühren. Ich liebe Bilder, in denen ich ein Streben erkenne. Die mich zu einer Suche nach dem Verborgenen anregen. Bilder, die unter die Oberfläche gehen und sich mit dem Betrachter auf eine tiefere Weise verbinden. Die mehr sind, als sie zu sein scheinen. Bilder, die unter die Haut gehen.

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Die Fotografie entführt uns in Träume von Welten hinter unserer Sehnsucht.

Photography leads us into worlds far beyond reality.


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