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Der Stille lauschen

„But I'll tell you what hermits realize. If you go off into a far, far forest and get very quiet, you'll come to understand that you're connected with everything.“ - Alan Watts

 

Manchmal brauchen wir eine Auszeit, müssen den Kopf frei bekommen, uns auf uns selbst besinnen. Oft hat man so viel zu tun, dass dafür keine Zeit bleibt, bzw. dass man sich dafür keine Zeit einräumt - und das rächt sich.

 

In den letzten Wochen habe ich quasi nonstop gearbeitet. Ich habe jede Woche mindestens zwei Fotoshoots gehabt, Bilder bearbeitet, an meinen Zukunftsplänen gesessen und mich nebenbei durch online-Workshops weitergebildet - täglich. Nicht zu vergessen, dass ich neben der Fotografie auch noch einen Teilzeitjob habe. Und wenn ich abends heimgekommen bin, habe ich mir keine Auszeit gegönnt, sondern mich wieder an meine eigene Arbeit gesetzt. Das faszinierende dabei - was mir tatsächlich sehr bewusst macht, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe - ich liebe es! Ich bin nicht ausgelaugt und es nimmt mir keine Kraft, sondern tatsächlich gibt es mir Kraft. Ein unglaublich großartiges Gefühl. 

 

Allerdings hat die Medaille auch eine Kehrseite. Denn ich bin, was meine Leidenschaft angeht, ein Workaholic und neige dazu, mich zu sehr anzutreiben. Ich will alles - und am besten alles auf einmal. Mein Tag müsste 48, oder am liebsten direkt 72 Stunden haben (aber natürlich bei weiterhin 6-7 Stunden Schlaf). Und so arbeite ich quasi durchgehend und nehme mir und meiner Kreativität den Raum zum Atmen. Das wurde mir in letzter Zeit besonders dadurch bewusst, dass ich mich, obwohl ich doch eigentlich gut vorankomme, in gewissen Bereichen blockiere. Ich habe meinem Kopf die Ruhe genommen die er braucht, um klare Gedanken zu fassen. Habe mich so beschäftigt gehalten, dass selbst die regelmäßigen Sporteinheiten nicht mehr geholfen haben den Kopf wieder frei zu bekommen. 

 

Ich bin gerade in einer wichtigen und entscheidenden Phase meiner Zukunftsplanung. Ich muss Pläne machen und habe Entscheidungen zu treffen. Und das geht - zumindest bei mir - nicht mit einem Kopf, der gar nicht mehr weiß wo er mir steht. 

 

Als introvertierter und eher melancholischer Mensch brauche ich viel Zeit für mich. Zu viel Lärm erdrückt mich. Und damit meine ich nicht nur den Lärm, der durch zu viel Arbeit in meinem Kopf entsteht, oder den sprichwörtlichen Lärm unserer Städte, sondern den gesamten Lärm unserer modernen Welt - dazu gehören z.B. auch Social Media und Co. Wir sind ständig, immer und überall diesem Lärm ausgesetzt. Überlege einfach mal, wie oft du am Tag dein Handy zur Hand nimmst - WhatsApp, Facebook, Instagram und Co. Alles Infos, die stetig auf dich einprasseln. Du konsumierst quasi ununterbrochen. Lärm! Und zu viel Lärm überschreit das, was in uns liegt. Überschreit unsere innere Stimme. Und deshalb brauchen wir Pausen!

Also habe ich mir am letzten Wochenende ganz bewusst eine Pause gegönnt. Habe meinen Gedanken und den Entscheidungen Raum gegeben. Ich habe losgelassen und das bedeutet bei mir: raus in die Natur. Einfach raus und das Leben atmen. Die Stille der Natur hilft mir dabei, wieder zu mir zurück zu finden und mit mir selbst in Einklang zu kommen. 

 

Wenn wir uns Zeit nehmen, unseren Geist zur Ruhe kommen lassen, dann können wir oft klarer sehen. Häufig finden wir dann auch Lösungen für Dinge, mit denen wir uns schon lange beschäftigen. Denn irgendwo im Hinterkopf arbeitet es weiter still vor sich hin. Und das oft viel besser, als wenn man sich drängt und das Hirn zermartert. Mir kommen die besten Ideen, wenn ich die Welt mit einem ruhigen Geist betrachte. Diese innere Ruhe und Stille erreiche ich nirgends besser als draußen, in der Natur. Ich kann dort, fernab von allem, am besten abschalten. Am liebsten irgendwo am Meer - aber da ich (noch) nicht in der Nähe einer Küste wohne, bedeutet das ausgedehnte Spaziergänge und Wanderungen durch Wald und Wiese. 

 

Also habe ich mir meinen Mann geschnappt und wir sind raus. Am Samstag bei grandiosem Sommerwetter, am Sonntag bei neblig-verregnetem Himmel. Und natürlich war meine Kamera dabei, denn ich kann einfach nicht ohne. Doch anstatt mich auf Portraits und Models vor der Kamera zu konzentrieren, oder über irgendwelche geschäftlichen Dinge nachzudenken, habe ich - seit langem mal wieder - einfach das fotografiert, was mich angezogen hat. Ohne Menschen im Bild. Einfach mal ohne Konzept, Vorausplanung oder Ziel drauflos fotografiert. Dabei ist mir bewusst geworden, dass ich oft nur noch im Urlaub auf diese Weise fotografiere. Unbeschwert einfach das festhalte, was mir ins Auge fällt, was mich zieht, was zu mir spricht. Und dabei ist es so unglaublich befreiend.

 

Gleichzeitig ist mir auch wieder klar geworden, dass die Fotografie an sich wenig damit zu tun hat, was sich physisch vor unserer Linse befindet. Sondern das sie ein Spiegel dessen ist, was sich in uns abspielt. Unsere Bilder sind aus dem gemacht, was wir in unserer Seele tragen.

„Though we travel the world over to find the beautiful, we must carry it with us or we find it not.” - Ralph Waldo Emerson

 

Dieses Zitat gibt meine Gedanken wunderbar wieder. Denn das was in uns liegt, bestimmt welche Art von Bildern, Musik oder Kunst wir erschaffen. Gerade deshalb ist es so unglaublich wichtig,     sich regelmäßig eine Auszeit zu nehmen. Einfach mal einen Gang runter zu schalten, sich selbst Raum zu geben. Stille und Abgeschiedenheit kann unsere Kreativität beleben. Von der Natur umgeben zu sein hilft oft auch dabei, die Sorgen des Alltags hinter sich zu lassen - präsent zu sein, zu lauschen, offen zu sein, zu genießen. Sich selbst neu oder wieder zu entdecken, bewusst wahr zu nehmen und mit sich selbst in Einklang kommen. Wir müssen die Stille zulassen, um die Stimme in uns zu hören. 

 

Wir können nichts erzwingen, vor allem unsere Kreativität nicht. Und wenn wir zu lange an einem Problem sitzen, beißen wir uns fest. Doch wenn wir eine Pause machen, dann kann sich unser Geist entspannen, die Seele kann atmen. Wenn die Gedanken einfach mal „von der Leine gelassen“ werden, dann kommen die Ideen und Lösungen oft von ganz alleine.

 

Der Schlüssel dazu ist, herauszufinden welche Aktivitäten dir dabei helfen, den Kopf frei zu bekommen. Bei mir sind es ausgedehnte Spaziergänge, Wanderungen und Reisen. Das hatte ich schlichtweg vernachlässigt. Vielleicht sollten wir diese Aktivitäten ganz einfach fest in unseren Terminplan eintragen - als Pflicht uns selbst gegenüber. Denn oft verlangen wir uns selbst zu viel ab, rennen gegen die Zeit - obwohl wir mehr schaffen könnten, wenn wir uns einfach mal eine Auszeit gönnen! 

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